Dank Software: In Zukunft autonom?

Gastkommentar von Sascha Schmel

Autonomie – der Begriff steht wie kein zweiter für das Fortschreiten der technologischen Entwicklungen im Kontext von Industrie 4.0. Doch wie lässt sie sich bei einer so komplexen Struktur wie der Supply Chain erreichen? Einzelne kleine Teilprozesse lassen sich bereits heute durchaus autonomisieren – die größeren strategisch entscheidenden Zusammenhänge jedoch nicht. Stellt sich die Frage, wie eine autonomisierte Supply Chain in Zukunft aussehen könnte?

Was macht Supply Chain Management so komplex? Es sind die unzähligen großen und kleinen Entscheidungen, die getroffen, geprüft und analysiert werden müssen, sowie die vielen Faktoren, die einander bedingen: Ein- und Verkauf, Produktionsplanung, Lagerhaltung oder Lieferantenwahl, um nur einige zu nennen. Was wäre, wenn ein System alle relevanten Informationen zur Verfügung hätte, um jederzeit eigenständig Entscheidungen zu treffen, beispielsweise über Lieferantenaufträge, Bestellungen usw.? Es müsste natürlich ein selbstlernendes System sein, das basierend auf festgelegten Kriterien flexibel und effizient die notwendigen Entscheidungen ohne menschliches Zutun trifft – eine Art digitaler Assistent, wie Amazons Alexa, die alle digitalen Unternehmensinformationen „mithört“ und verarbeitet. Aus heutiger Sicht ist das natürlich Wolkenkuckucksheim, doch technisch wird es auf absehbare Zeit durchaus machbar sein. Amazons Alexa zeigt eine erstaunliche Lernkurve und eignete sich innerhalb eines Jahres 14.000 Fähigkeiten an.

Smarte Verträge

Entlang der gesamten Supply Chain finden unzählige Transaktionen statt – ob nun unternehmensintern zwischen verschiedenen Abteilungen oder extern mit Lieferanten oder Kunden. Die Gestaltung, Prüfung und Umsetzung dieser Transaktionen ist aufwendig und bindet Kapazitäten. Hier könnte die Blockchain zum Gamechanger werden. Die Technik ermöglicht die Organisation und Steuerung sensibler Daten oder Eigentumsverhältnisse und sie gewährleistet ein hohes Maß an Sicherheit, weil kryptographische Verfahren eingesetzt werden. Im Grunde könnten Blockchains zum digitalen Nachfolger der Supply Chain werden, wenn sie in die Lage kommen, Zahlungsverkehre und Vertragsmodalitäten digital in Echtzeit abzubilden. Alle Details vom Einkauf der Rohstoffe über die Produktion, den Bestelleingang vom Kunden, die Bearbeitung der Bestellung bis hin zur Auslieferung an den Kunden wären digital dokumentiert in einer Blockchain denkbar. Dass auch die Zahlung über eine Kryptowährung erfolgt, ist dann fast schon nicht mehr der Rede wert.

Aus Bits und Bytes echten Materialfluss generieren

Die Vision einer autonomen Produktion geht mit autonomer Intralogistik einher. Sie könnte beispielsweise so aussehen: Produktionsanlagen erhalten einen Auftrag und fordern autonom die dafür benötigten Teile aus dem Lager oder sogar von externen Lieferanten an. Dann stimmen sie sich für ihre Materialversorgung und den Nachschub individuell mit fahrerlosen Transportsystemen ab oder übergeben ihnen die fertigen oder weiter zu bearbeitenden Teile für die nächste Anlage oder das Lager. So fern ist diese Vorstellung nicht. Fahrerlose Transportsysteme kommen bereits zum Einsatz. Doch noch werden zentrale Softwaresysteme benötigt, um übergreifende Prozessdaten und lokale Maschinendaten zueinander zu führen und die Maschinen zu einer intelligenten Interpretation der Umwelt und entsprechenden Handlungen zu befähigen. Vor diesem Hintergrund spielt Software auf dem Weg zur digitalen Fertigung eine entscheidende Rolle.

Auf die Verknüpfung kommt es an

Man könnte sogar sagen, dass die Software im Mittelpunkt dieser Entwicklung steht, da nur sie unterschiedliche Systeme und Prozessschritte so verknüpfen kann, dass tatsächliche Autonomie in der Produktion möglich wird. Ihr kommt die Rolle eines Übersetzers zu, der übergreifende Prozessdaten und lokale Maschinendaten zusammenführt und die autonomen Maschinen dazu befähigt, ihre Umwelt zu interpretieren und intelligent zu handeln. Deshalb arbeitet der VDMA gemeinsam mit Unternehmen wie SALT Solutions aktiv daran, Rahmenbedingungen und Produkte zur Verfügung zu stellen, die diese zentrale Verknüpfung der unterschiedlichen Maschinen und Systeme leisten können und so für einen reibungslosen und zukunftsfähigen Materialfluss in der Produktion sorgen.

Mut zur Lücke

1943 hat Thomas J. Watson Senior, der Gründer von IBM, den Markt für Computer auf fünf Stück geschätzt. Wie kolossal er damit daneben lag, wissen wir heute nur zu gut. Diese kleine Anekdote zeigt, mit welcher Skepsis wir mitunter neuen Technologien begegnen. Wir sehen heute viel mehr die Grenzen und Herausforderungen, die mit der Autonomisierung einhergehen, als die Möglichkeiten, die sich damit eröffnen können. Die Zukunft ist noch offen, wir gestalten sie.

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